
Top Brand – Corporate Health: Betriebliche Suchtprävention Miehle im Interview
Suchtprävention ist längst ein fester Bestandteil moderner Gesundheitsstrategien – zumindest in der Theorie. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass viele Unternehmen noch am Anfang stehen, wenn es um eine konsequente Umsetzung geht. Patrick Durner gibt im Interview Einblicke, wie wirksame Suchtprävention im Unternehmen gelingen kann, welche Rahmenbedingungen dafür notwendig sind und warum nachhaltige Veränderung immer auf mehreren Ebenen ansetzen muss.
1. Welche Rolle spielt Suchtprävention im modernen betrieblichen Gesundheitsmanagement?
Wenn man BGM ganzheitlich betrachtet, ist die Suchtprävention eine zentrale Säule davon. Denn insbesondere die kulturellen Gegebenheiten am Arbeitsplatz entscheiden darüber, ob eine vorhandene Suchtgefahr bei der Arbeit eher verstärkt oder reduziert wird.
Wird wertschätzend miteinander umgegangen? Haben Führungskräfte die zeitlichen und organisatorischen Ressourcen, sich um das Wohl der Mitarbeitenden zu kümmern? Darüber hinaus stellen sich Fragen wie: Wie hoch ist die dauerhafte Arbeitslast? Wie wird das Miteinander gestärkt (z. B. durch ein Fass Bier oder einen Volksfestbesuch als Ausdruck der Wertschätzung seitens der Geschäftsführung)?
Genau hier gibt es elementare Stellschrauben, um langfristig die Gesundheit der Mitarbeitenden zu fördern und zu erhalten.
2. Wie begleiten Sie als externer Dienstleister Unternehmen auf dem Weg, Suchtprävention als festen Bestandteil ihres betrieblichen Gesundheitsmanagements zu etablieren?
Bevor wir irgendwelche Maßnahmen durchführen, wird erst einmal der Ist-Stand erhoben: Gibt es eine Betriebsvereinbarung Sucht, gibt es innerbetriebliche oder externe Hilfsangebote, z. B. Ansprechpersonen für Suchtprävention, Sozialberatung, EAP o. Ä.? Wie sind die Regeln im Umgang mit Alkohol, Tabak und privaten Digitalgeräten im Arbeitskontext?
Und natürlich: Welche Angebote im Rahmen des BGM gibt es bereits, die es Mitarbeitenden leicht und attraktiv machen, sich gesundheitsförderlich zu verhalten?
Daraus ergibt sich der Bedarf, welche individuellen oder strukturellen Maßnahmen zur Suchtprävention sinnvoll und zielführend sind und wie diese Maßnahmen in die bestehenden Angebote eingebettet werden können, um langfristige und nachhaltige positive Effekte zu erzielen.
3. Welche Herausforderungen begegnen Ihnen in Unternehmen besonders häufig im Umgang mit Suchtmitteln und suchtbezogenem Verhalten?
Häufig gibt es fest verankerte ungesunde Gewohnheiten in der Firmenkultur, wie z. B. das Feierabendbier, ungesunde und zuckerlastige Tagungsverpflegung oder auch Teambuildingmaßnahmen mit viel Alkohol. Und häufig fehlen die gesünderen Alternativen völlig. Diese über Jahrzehnte gewachsene Kultur in eine gesündere zu verändern, ist ein Prozess, der Zeit und die Offenheit der EntscheiderInnen braucht.
Besonders spannend ist es in Unternehmen, die noch kein vollständiges Rauschmittelverbot am Arbeitsplatz haben, sich die Argumente anzuhören, was scheinbar dafür spricht, dass Menschen in ihrer Arbeitszeit (oder auch direkt danach) Alkohol trinken dürfen.
Natürlich ist mir bewusst, dass Rauschmittel in unserer Gesellschaft mehrere Funktionen haben, die natürlich auch in die Arbeitswelt hineinreichen.
Gleichzeitig gilt: Wer Menschen zu gesundheitsschädlichen Verhaltensweisen auffordert, braucht sich nicht zu wundern, wenn diese krank werden.
4. Viele Unternehmen setzen in der Prävention auf Aufklärung. Wie bewerten Sie diesen Ansatz?
Kein Mensch konsumiert Suchtmittel, weil er nicht über die Gefahren Bescheid weiß. Im Gegenteil, meistens wissen die Menschen sehr genau über die Gefahren Bescheid und konsumieren trotzdem. Das habe ich vielfach in Trainings überprüft und bestätigt bekommen.
Die Entscheidung, zu Suchtmitteln zu greifen geschieht nicht aus Vernunft, sondern weil es sich im Moment aus irgendwelchen Gründen gut anfühlt. Es geht bei jedem Konsum um Bedürfnisse, wie z.B. Zugehörigkeit, wahrgenommen werden, Freiheit, Entspannung, etc.
Wenn irgendwelche Bedürfnisse nicht gestillt sind, werden Suchtmittel interessant, denn sie versprechen eine kurzfristige und einfache Lösung. Nach Feierabend noch Joggen, Radeln oder Schwimmen zu gehen ist viel anstrengender, als auf die Couch zu sitzen, den Fernseher anzumachen und sich ungesundes reinzuschaufeln oder zu schütten.
Aktuell bekommt das Thema Neurodivergenz zu Recht viel Aufmerksamkeit. Einem neurodivergenten Menschen (z.B. mit ADHS) einen Vortrag über die Gefahren von Suchtmitteln zu halten, löst nicht sein Problem, dass er eine Dysbalance im Dopaminhaushalt hat.
Menschen brauchen wirksame und praktikable Lösungen und menschliche Arbeitsbedingungen, anstatt Aufklärung über die Gefahren.
Aufklärung ist oft eine Alibi-Maßnahme, denn man kann mit einem digitalen Vortrag vor möglichst vielen Menschen zeigen: wir haben ja was für die Suchtprävention gemacht, ohne an den strukturellen Ursachen wie z.B. einer toxischen Arbeitskultur arbeiten zu müssen.
Dass ein Mensch, der aus verschiedenen Gründen zu viel Alkohol konsumiert nach einem Vortrag über die Gefahren des Alkohols sagt: „Ich Depp, das wusste ich ja gar nicht. Dann lass ich das besser mal sein.“ wird definitiv nicht passieren.
Als Ergänzung zu allen möglichen strukturellen und individuellen Suchtpräventionsmaßnahmen kann die Aufklärung hilfreich sein, um Themen und dafür passende Hilfsangebote sichtbar zu machen.
Ohne diese ist es einfach nur Ressourcenverschwendung, insbesondere wenn BGM-Beauftragte für die Organisation solcher Veranstaltungen unzählige Arbeitsstunden investieren.
5. Welche Faktoren sind entscheidend dafür, dass Suchtpräventionsmaßnahmen im Unternehmen nachhaltig wirksam sind?
Entscheidend ist, ob es ein BGM-Gesamtkonzept gibt, in das die Suchtprävention eingebettet werden kann. Maßnahmen zur gesunden Stressbewältigung, Resilienztrainings, Sportangebote, eine gesunde Kantinenverpflegung und ganz wichtig: eine Kultur des Hinschauens.
Wenn alle wissen und sehen, dass es einem Kollegen nicht gut geht und kollektiv wegschauen, werden Suchtprobleme so groß, dass sie irgendwann nicht mehr zu ignorieren sind.
Es braucht also ein gutes Zusammenspiel aus strukturellen Maßnahmen: bewältigbare Arbeitsmengen, Zeiten für Erholung – insbesondere nach stressreichen Phasen –, Hilfsangebote für private Herausforderungen, empathische Führungskräfte, die gesunde Selbstfürsorge vorleben, attraktive und gesunde Getränkealternativen bei feierlichen Anlässen und selbstverständlich ein gelebtes Regelwerk, das Grenzen eindeutig benennt etc. – sowie aus individuellen Maßnahmen wie befähigte und geschulte Führungskräfte, die die Mitarbeitenden im Blick haben und unterstützen und die auch ein echtes Interesse am Wohl der Mitarbeitenden haben; Möglichkeiten zur Weiterentwicklung für Mitarbeitende; gelebte Wertschätzung im Alltag, damit Mitarbeitende am Ende des Tages mit einem guten Gefühl nach Hause gehen und morgens mit einem guten Gefühl zur Arbeit kommen.
Eine „Nicht geschimpft ist genug gelobt“-Kultur war noch nie hilfreich für die Gesundheit der Mitarbeitenden und schon gar nicht für die Suchtprävention.
6. Unternehmen tun sich oft schwer, das Thema Suchtprävention aktiv anzugehen. Woran liegt das aus Ihrer Sicht und was kann helfen, diese Hürden zu überwinden?
Meiner Erfahrung nach tun sich nur die Unternehmen schwer, die entweder ein sehr veraltetes und nicht zeitgemäßes Verständnis von Suchtprävention haben oder denen sehr bewusst ist, dass es dringend strukturelle Veränderungen bräuchte, damit die Arbeitsbedingungen die Suchtgefahr nicht erhöhen.
Allein der Begriff Suchtprävention löst bei den meisten Menschen nicht unbedingt positive Emotionen aus, was sicherlich ebenfalls ein Faktor ist. Und genau das hat uns veranlasst, die Marke Strong Free Happy zu launchen, denn das ist letztlich, was wir anbieten. Wir leisten einen Beitrag dazu, das Strong Free Happy-Gefühl der Mitarbeitenden zu erhöhen – und zwar mit einem ganzheitlichen Ansatz.
Helfen kann einerseits, das Wording zu ändern und damit Neugier und Offenheit zu wecken, wie bei unserem Strong Free Happy-Ansatz, und andererseits die Perspektive, durch Investitionen in Suchtprävention erheblich Kosten zu sparen. Nichts für Suchtprävention auszugeben ist tatsächlich um ein Vielfaches teurer als die Investition selbst.
Was beginnende oder bereits vorhandene Suchtprobleme einen Arbeitgeber kosten, kann mit unserem Suchtkostenrechner kalkuliert werden: https://www.betriebliche-suchtpraevention.de/suchtkostenrechner/
Und spätestens da zeigt sich: Suchtprävention ist im Vergleich ein echtes Schnäppchen, denn erwiesenermaßen zahlt sich jeder Euro, der in Suchtprävention investiert wird, im Faktor 1:2,2 aus.
7. Welchen konkreten ersten Schritt empfehlen Sie Unternehmen, die Suchtprävention bisher noch nicht in ihr BGM integriert haben?
Die erste Frage, die sich Unternehmen stellen sollten, ist: Was wollen wir mit der Maßnahme erreichen? Was ist das Ziel? An dieser Stelle wird meist schon sehr gut deutlich, mit welchen Mitteln und Maßnahmen das Ziel nicht erreicht werden kann.
Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) hat eine sehr hilfreiche Handreichung zu den Qualitätsstandards der betrieblichen Suchtprävention veröffentlicht: https://www.sucht-am-arbeitsplatz.de/suchtprogramm/qualitaetssicherung-und-weiterentwicklung
Es lohnt sich wirklich, hier einmal hineinzulesen.
Hilfreich kann auch sein, eine Bestandsaufnahme zu machen, an welchen Stellen das Unternehmen bereits gut aufgestellt ist. Gerne bieten wir hierfür unsere „Checkliste Gesamtkonzept“ an.
Und natürlich stehen wir auch für Fragen zur Verfügung, das heißt, Unternehmen dürfen sich gerne für eine kostenfreie Erstberatung bei uns melden.